Kreatives Schreiben kann zu einer Schreibwut führen

Kreatives Schreiben – vielleicht stellt sich manch einer etwas ganz Besonderes vor, eben eine andere Art des Schreibens, als man bislang gepflegt hat. Nun, diejenige oder derjenige hat ja nicht Unrecht, es hat wenig zu tun mit der Art des alltäglichen Schreibens von Berichten oder Geschäftsbriefen, auch nicht so viel mit den meisten privaten Briefen. Vielleicht am ehesten noch damit, was Tagebuchschreiber zu Papier bringen, das aber da meistens nur verschwiegenen Seiten anvertrauen.

Ich habe vor zwei Monaten am Seminar mit Rüdiger Heins im Kunstzentrum Bosener Mühle teilgenommen. Das Seminar hab ich mir selbst zum Geburtstag geschenkt, weil ich erstens auf den Mensch neugierig war, der mir etwas vermitteln sollte. Aber auch, weil ich bei ihm neue Impulse sammeln wollte. Kreatives Schreiben war mir nicht unbekannt, ich hatte schon einiges darüber gelesen. Und deshalb war ich der Meinung, ich würde mich ja schon länger dieser Kunst hingeben.

Auf der INKAS-Website kann man bei den Erfahrungsberichten bereits nachlesen, wie solch ein Wochenende abläuft, ich will die Berichte nicht wiederholen. Mir liegt eher daran, etwas über die Wirkungen mitzuteilen.

Schon während des Seminars in Bosen war überraschend, wie sich durch die methodische Hinführung durch Rüdiger Heins so etwas wie Schreibwut entwickeln kann. Allerdings muss man dazu feststellen, dass die Hälfte der Kursteilnehmer bereits Schreiberfahrung besaß. Ich auch, nicht nur wegen meiner mehr als dreißigjährigen journalistischen Tätigkeit. Ich schreibe Gedichte seit meiner Schulzeit, seit zwei Jahren übrigens meistens zu Bildern, die ich male.

Als offiziell benannter Dorfschreiber in meinem Heimatort bemühe ich mich darum, mehr als einer Chronistenpflicht nachzukommen und Begegnungen in Texten festzuhalten, die mit einem kleinen literarischen Anspruch handschriftlich ins Notizbuch eingetragen werden, dass später einmal im Gemeindearchiv stehen soll. Dann brüte ich gelegentlich auch über anderen Texten, vor einem Jahr war das ein Märchen, das ich noch nicht als abgeschlossen betrachte, weshalb es vorerst auch noch nicht gedruckt wird.

Bei dem Seminar mit Rüdiger Heins im Juni 2006 am Bostalsee im landschaftlich herrlichen Norden des Saarlandes, meiner Heimat, die ich nach 35 Jahren Abwesenheit mir erst wieder zurückerobern muss, ist mir klar geworden, was ein Anspruch bewirken kann, wenn man Bilder zum Thema „Links und rechts der Saar“ ausstellen und dazu eigene Texte unter dem Thema „Heimatgefühle“ lesen lassen will. Und deshalb bin ich etwas selbstkritischer mit mir zu Rate gegangen, als ich das ohne dieses Seminar gemacht hätte. Es liegt nun aber nicht an diesen Reflexionen, dass ich meine Absichten um ein Jahr verschoben hab, das hat leider andere unvorhergesehene Gründe. Trotzdem ist mir die Nachdenklichkeit nach dem Seminar sehr wichtig.

Weshalb ich aber diesen Beitrag hier schreibe, das hat einfach den Grund, dass ich diese Schreibwut vermitteln will, die dieses Seminar auslöst, bei mir jedenfalls ausgelöst hat. Es begann schon am ersten Kurstag, als mir bewusst gemacht wurde, dass man im Leben viel zu viele 08/15-Briefe verfasst und losschickt, selbst auch bekommt. Das Thema will ich an dieser Stelle nicht vertiefen, aber zumindest zu bedenken geben. Die Online-Kommunikation mag ganz wesentlich dazu beitragen.

Nein, beim Seminar in Bosen bin ich über etwas gestolpert, was mir in meinem Berufsleben in den vergangenen drei Jahrzehnten selbstverständlich war, was ich da aber nie so erlebte wie hier: das Clustering, eine besondere Art eines schreibkreativen Brainstormings. Alle Seminarteilnehmer ließen sich regelrecht hineinfallen, so sehr, dass wir sogar noch online gemeinsame Anstrengungen unternommen haben, als das Seminar längst vorüber war. Da ist bei mancher und manchem einiges gewachsen, was nun nicht wieder verkümmern sollte.

Ich selbst hab mich am letzten Kurstag zu etwas hinreißen lassen, was ich nicht beabsichtigt hatte. Nachdem ich, von mir selbst überrascht, meine ersten Überlegungen geclustert hatte, fuhr ich einige Wochen danach in der Online-Runde damit fort. Und dann hab ich in nur zwanzig Tagen in einer regelrechten Gefühlskaskade ein Romanfragment erstellt, allein mit dem Wissen im Kopf und den Emotionen im Bauch, ohne großartige Recherchen anzustellen. Im Nu war ich bei mehr als 80 DIN A4 Seiten gelandet, als ich aus den schon genannten unvorgesehenen Gründen abbrechen musste.

Das empfinde ich inzwischen auch nicht mehr als störend, weil das Unterbrechen meiner Schreibwut mir erstens die Muße zurückgibt, mit der ich nun irgendwann die nötigen Recherchen nachholen muss, die mich mit meinem Thema sattelfest werden lassen sollen. Außerdem soll es nix schaden, wenn man während eines Schreibprozesses eine Pause einlegt, um sich von guten Freunden ein Feedback einzuholen. Ich weiß aus Erfahrung, wie schnell man sich verirren kann.

Derweil beobachte ich bei anderen Kurskollegen, dass Rüdiger Heins bei ihnen nicht viel weniger bewirkte als bei mir. Gewiss, kreatives Schreiben ist eine Kunst, die nicht jeder beherrscht, der zu Stift und Papier gegriffen hat oder seine Gedanken in die Tastatur klimpert. Man muss halt mit sich selbst zugange kommen. Die Seminarteilnehmer in Bosen haben ihre Power entdecken dürfen, die ihnen weiter helfen wird.

Und festzuhalten bleibt Folgendes: Man wird ja nun nicht schon dadurch zum Schriftsteller, weil man einen Text verfasst, dem man einen literarischen Anspruch zudichtet. Die Bewertung nehmen andere vor. Beim Malen sag ich immer, es ist wichtig, für sich selbst in Farben zu schwelgen, der künstlerische Anspruch ergibt sich dann von allein.

Von daher war es wichtig, dass Rüdiger Heins die Kursteilnehmer erst einmal einen Brief an sich selbst schreiben ließ. Diesen Brief kann man ja jederzeit mit Veränderungen wiederholen und dann vielleicht darüber nachdenken, warum man sich das schrieb, was man geschrieben hat. Da nähert man sich möglicherweise einer Antwort auf die Frage, ob man Schriftsteller sein möchte. Ob man es wirklich werden kann, hängt noch von vielem anderen ab.

Das Seminar „Auf dem Weg zu (m)einem Buch“ hat ein paar Buchstaben zu dieser Antwort bereit gelegt. Dafür gebührt dem Dozenten Dank.

Edgar Helmut Neumann

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Worte aus der Stille: Sehnsucht nach der Erinnerung
Mit Rüdiger Heins

Ein Rückblick auf ein Seminar mit Tradition
Von Annette Rümmele


„Sehnsucht nach der Erinnerung“ war in diesem Frühjahr das Thema der Seminarreihe „Worte aus der Stille“ mit Rüdiger Heins. Bereits zum vierten Mal lud der Schriftsteller und Leiter des Instituts für Kreatives Schreiben – INKAS – zu dieser Seminarreihe in die Zisterzienser-Abtei Himmerod ein. Circa 20 TeilnehmerInnen versammelten sich vom 7.-9. April 2006 an diesem Ort der Ruhe und der Stille, um einen persönlichen Schreibprozess in Gang zu setzen.

Zum Auftakt des Seminars am Freitag Nachmittag führte Seminarleiter Rüdiger Heins in das Thema „Erinnern – Wiederholen – Durcharbeiten“ ein. Diese Prozesse sollten anhand geeigneter Übungen aus einer ausführlichen Arbeitsmappe angeregt und schreibend vertieft werden. Grundsätzlich galt für alle Schreibübungen folgender Ablauf: Thema, Einführung in Technik und Hintergrund, Zeit zum Schreiben, freiwilliger Vortrag des erstellten Textes und ausführliche Diskussion des Gehörten auf der Basis der Theorie und eigener Erfahrungen.

Noch vor der Vorstellungsrunde ließ Rüdiger Heins die TeilnehmerInnen mit Hilfe der Aktiven Imagination ein positives Kindheitsereignis erinnern und niederschreiben. Mit dieser Übung waren die TeilnehmerInnen bereits engagiert in der eigenen Biographie und aufgewärmt für das weitere Seminar. Nach einer kurzen Vorstellung der Einzelnen gab Rüdiger Heins einen Einblick in die Geschichte des Autobiographischen Schreibens und leitete dann geschickt auf die Imagination eines Glücksgefühls über. Der erste Seminartag ging damit zu Ende.

Der Samstag begann mit dem Vortrag des Gedichts „Der Panther“ von Rainer Maria Rilke. Immer wieder spannend dieses Gedicht zu hören, zu lesen und dann auch noch abzuschreiben. Das reine Abschreiben brachte tiefe Gefühle zum Vorschein und half, sich einer Nachdichtung unter dem Motto, „Der Panther: Liebe – Hoffnung – Zukunft“ zu widmen. Die Auseinandersetzung und Diskussion der entstandenen Texte zeigte deutlich, wie wertvoll und bereichernd die Verbindung klassischer Stoffe mit der eigenen Biographie ist.

Damit gelang die Überleitung zum zentralen Thema des Seminars, die „Sehnsucht nach der Erinnerung“. In zwei langen Arbeitseinheiten beschäftigten wir uns mit der „Narrativen Landkarte“, den Stationen des eigenen Lebens. Wir hatten die Aufgabe, die unterschiedlichen Orte, an denen wir bisher gelebt hatten, zu erinnern und diesen zentrale Ereignisse unseres Lebens zuzuordnen. Interessant dabei, je älter die TeilnehmerInnen um so länger dauerte – nahe liegender weise – die Niederschrift. Hier zeigte sich zum ersten Mal deutlich die unterschiedliche Altersstruktur der Gruppe. Von Jung bis Alt, vereint im Kloster, sich schreibend gegenseitig beflügeln. Erinnerungen austauschen. Dies geschah zunächst durch das „Narrative Interview“. Jeweils zwei Teilnehmer zogen sich dafür an einen geschützten Ort in den weiträumigen Außenanlagen des Klosters zurück, um sich gegenseitig die jeweilige Biographie zu erzählen.

Bereichert durch den intensiven Erfahrungsaustausch kehrten wir am Nachmittag in den Seminarraum zurück, um aus je einem ausgewählten Erlebnis der eigenen Biographie sowohl ein Märchen als auch später eine Kurzgeschichte, zu verfassen. Die vorgetragenen Märchen wurden dann auf Personen, Ort und Symbolik hin genau analysiert. Es folgten die Kurzgeschichten, die auf die Protagonisten, Setting, Dramaturgie und Erzählperspektive hin genau unter die Lupe genommen wurden. Die lebhafte Diskussion zum Abschluss dieses Tages verdeutlichte die tiefe, innere Beteiligung und das große Engagement aller TeilnehmerInnen.

Sonntag morgen, Glockenläuten und sehr gute Stimmung. Auf dem Programm standen Lyrik, Haikudichtung und eine meditative Malaktion. Einen Großteil der Seminarzeit verbrachten wir im Freien. Milde Frühlingsluft half, der eigenen inneren Lyrik zu lauschen und kleine Haiku hervorzubringen. Darüber hinaus lernten wir eine neue, lautmalende, gestaltende Form moderner Dichtung kennen. Rüdiger Heins und Helmuth Schleder trugen ein Beispiel dieser Dichtkunst „Hat es einen Sinn, hier zu bleiben?“ von Robert Lax (1997) vor. Die umliegende Natur sollte uns Fünf Begriffe liefern, aus denen die TeilnehmerInnen dann ein eigenes Klangwerk erstellten.

Immer in der Hoffnung, auch im nächsten Frühjahr wieder „Worte aus der Stille“ in der Abtei Himmerod zu finden, ging am Nachmittag mit herzlichem Dank an Rüdiger Heins ein spannendes und tiefgründiges Seminar zu Ende.

Haiku Zyklus, Himmerod, 9.4.2006

Leichtfüßig an der Salm

Murmelndes Bächlein
befreit die Urkraft der Seele
Quelle des Lebens

Mitten im Wasser
ankern kräftige Wurzeln
Knospen saugen Kraft

Freiheit hat Flügel
Treibt ein Schmetterling im Wind
Bote des Sommers

„Steh auf“ ruft die Fee
„Wachse und verwandle Dich!“
jetzt im jungen Grün
´
Autorin:
Dr. Annette Rümmele
An der Rothenburg 15
49205 Hasbergen
Email: annette.ruemmele@t-online.de

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„Abenteuer Schreiben in der Schweiz“
vom 01. bis 03. Juni 2007 in Meiringen im Berner Oberland
eine Seminarreflexion von Katrin Schumacher

Am 1. Juni begann das Abenteuer mit einer mehrstündigen Autofahrt von Deutschland aus. Je mehr sich die Landschaft veränderte, desto näher kam ich dem Zielort: Meiringen - ein im Tal gelegener Ort des Berner Oberlandes. Der Seminarort und unsere Unterkunft war das Sherlock Holmes Hotel. Überall war irgendetwas von Sherlock Holmes zu sehen und während des Seminars bekam ich auch Legenden über ihn erzählt.
Zu Beginn des Seminars machten wir eine Warming-Up Übung aus dem Kreativen Schreiben: Den Zwei-Minuten-Text. Alle Teilnehmerinnen schrieben zwei Minuten lang auf, was ihnen gerade einfiel. Wichtig war genau nach Ablauf der Zeit aufzuhören. Dies leitete bei jedem einen individuellen Schreibprozess ein, den wir mit der nächsten Übung „Wer bin ich?“ vertieften.
Der zweite Seminartag startete mit Tai Chi. Die Übungen machten Spass und bereiteten uns auf die Kreativität vor. Im Anschluss daran stellte Rüdiger Heins, der Seminarleiter, die Haiku-Dichtung vor. Sie ist die kleinste Wortkulisse in lyrischer Form und folgt einfachen Regeln: 3-zeiliges Gedicht nach japanischem Vorbild mit einem Jahreszeitenwort (Kigo) und 17 Silben, mit der Aufteilung 5 / 7 / 5. Die Umsetzung der Regeln gestaltete sich allerdings erstmal etwas schwierig. Denn heutzutage schreibt, redet und formuliert man so viel und im Übermaß, so dass es einem schon schwer fällt sich kurz zu fassen und die Worte bewusst zu wählen. Zunächst dichteten wir gemeinsam ein Haiku:

Wasserfall stürzt sich
unter Getöse talwärts
Regenbogentraum

Danach fiel es jedem leichter ein eigenes Haiku zu dichten.
Um dann in eine prosaische Kulisse einzutauchen, schrieben wir unsere erste Kindheitserinnerung auf. Anhand der vorgetragenen Texte beschäftigten wir uns dann mit den grundlegenden Bausteinen einer Kurzgeschichte.
Rüdiger Heins gab auch einige Tipps zur Organisation des Schreiballtags und wir stellten fest: „Jeder hat jeden Tag mindestens zwei Minuten Zeit, um zu schreiben!“ Eine gute Erkenntnis, denn in zehn Tagen sind das schon 20 Minuten, die man geschrieben hat.
Als geeignete Methode für die Umsetzung von Ideen und die Konkretisierung eines Schreibthemas wurde uns das „Cluster“ vorgestellt. Es bietet nicht nur eine Sammlung von Stichpunkten und -wörtern um einen Kernbegriff herum, sondern verknüpft die Aktivität beider Hemisphären, die Kreativität begünstigt, die wir zum Schreiben brauchen. Am Abend des zweiten Tages las Rüdiger Heins aus seinen Werken, was mich sehr beeindruckte, nachdenklich stimmte, aber auch vor allem inspirierte. Uns allen hat die Lesung sehr gut gefallen.
Am letzten Seminartag beschäftigten wir uns mit „3 Höhepunkten aus unserem Leben“. Mir war neu, dass „Höhepunkte“ nicht nur positive Ereignisse darstellen, sondern damit auch Schicksalsschläge gemeint sein können. Wir suchten uns einen Punkt raus und schrieben darüber. Danach komprimierten wir unsere Worte nochmal in einem Zwei-Minuten-Text. Mit diesem Text wiederum erlernten die Seminarteilnehmerinnen den Zeilenbruch, eine Technik der modernen Lyrik. Es geht um Worte, Wortspiele, Zeilenbrüche, Bilder, Wiederholungen, Gestaltung und Visualisierung. Wenn man es insgesamt von dem Höhepunkt aus betrachtet, stellt er den Rohzustand dar und der Zeilenbruch den geschliffenen Diamanten.
Bei einem gemeinsamen Spaziergang durch Meiringen ließen wir uns inspirieren von der Landschaft, den Geräuschen, der reinen Luft und dem schönen Wetter. Jeder vertiefte sein Thema und versuchte sich in der modernen Lyrik.
Doch jedes Seminar geht einmal zu Ende und das Schreiben geht hoffentlich weiter. Besonders gut hat mir die Atmosphäre in der Gruppe gefallen, die reflektierenden Gesprächsrunden, die Schreibübungen sowie das Tai Chi.

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Niedernmühle 7.7.2007
Reflexion von Monika Landau

Wenn Rüdiger Heins zum Seminar einlädt, gehe ich schon automatisch davon aus, dass mich seine Einladung in eine unbekannte Region Deutschlands führt. So auch diesmal.

Odernheim am Glan, nie gehört. Ich wusste bisher nicht, dass es einen Fluss namens Glan gibt und rätsele bis heute, ob es „der“ oder „die“ Glan heißt.
Die Niedernmühle liegt am Fuße des Disibodenberges. Namensgeber ist der irische Mönch Disibodus, der das Kloster cirka im Jahr 600 dort gründete.
Die heilige Hildegard lebte und lehrte dort bis ins Jahr 1147, um sich dann in einem für diese Zeiten unglaublichen emanzipatorischen Schritt, von den patriarchalen Klosterstrukturen loszusagen und mit ihren Mitschwestern auf dem Rupertsberg ihr eigenes Kloster aufzubauen. Der Versuch, diese weise und mutige Frau auch nach ihrem Tod ins männliche Denksystem einzuordnen, ist heute noch im Titel „Hildegard von Bingen“ erkennbar. Sie selbst nannte sich nie so.Eben diese heilige Hildegard vom Rupertsberg, wie es eigentlich heißen müsste, wenn überhaupt, führte uns zum Schreiben an diesen besonderen Ort.

Das Seminar begann am Freitagabend mit einem wunderbaren Vortrag von Hans Tönjes Redenius über das Wesen des Wortes.
Hans Tönjes Redenius, Jahrgang 1939, in Hamburg geboren studierte später Theologie und lebt heute als freier Autor in Bingen. Glück für uns, dass er Zeit hatte, um uns auf seine leise und bescheidene Art an seinem großen Wissen teilhaben ließ.

Johannes 1,1-2 „Im Anfang war das Wort, und das Wort war bei Gott, und Gott war das Wort“

Auch wenn es mir nicht möglich ist, seinen Vortrag wiederzugeben, so möchte ich doch zwei Aussagen nennen, die für mich von besonderer Stärke waren.
Zum Einen berührte mich seine Aussage, dass das Wesen der Dinge für uns Menschen nur empfangend möglich ist und weder mittels Einsatzes unsere Verstandes oder Willens sondern nur durch Liebe erfahrbar wird.

Zum Anderen empfand ich seine Schilderung als sehr befreiend, dass der Mensch, „geschaffen nach dem Bilde Gottes“, alle Freiheiten wie Gott selbst hat und sich somit entscheiden muss, ob er Böses oder Gutes denkt und danach handelt.

Wird das Wort gesprochen, dann hat diese Wort Wirkung, ist somit schon Ereignis.
Die Ehrfurcht vor dem Wort, das Bewusstsein des Menschen ob seiner Schöpferkraft, dem Klang, also dem Wort, welches schon vor dem Anfang war, all das und Vieles mehr, habe ich mitnehmen dürfen.


Der nächste Tag begann mit einem Themen-Morgen, - auf sehr unterhaltsame Weise von Anne Mai und Carla Capellmann gestaltet und vorbereitet. Sie brachten uns Ulla Hahn als Mensch und Autorin so nahe, dass ich fast das Gefühl hatte, eine alte liebe Bekannte wieder zu treffen.

Dem Themen-Morgen folgte ein Ausflug in den Weinberg, der steil hinter der Mühle in den Himmel ragt.

Mit neuer Demut dem Wort gegenüber, schrieben wir dann am Tag darauf unsere Haiku. Jeder suchte sich seinen Platz und lies sich mit voller Aufmerksamkeit treiben, was für mich kein Widerspruch ist.
Leider kamen wir im Lauf des Seminars zu keinem „Sammel“-punkt, um all diese wunderbaren Haiku auszutauschen.
Dafür ließen wir unserer Fantasie freien Lauf, und setzten unsere Haiku mittels Natur-Materialen um.

Drei Kreise, fünf, sieben, fünf. Steine, Baumrinde, Zapfen, Früchte, Gräser, Stöckchen, Blätter und und und.
Wir schafften unsere Natur-Haiku direkt neben den Gleisen, die rege von gut gelaunten Draisinen-Radlern befahren wurden, beantworteten freundlich die Fragen der vorbei Gleisenden, die daraufhin lächelnd aber genauso schlau wie vorher weiter radelten.
Kurzum: Eine wunderbares Eckchen Deutschland, köstliche Verpflegung, freundliche Menschen und die Wetterfee hatte uns auch ins Herz geschlossen.

Der letzte Tag begann bereits um 6.00 Uhr auf dem Disibodenberg. Auch wenn es schwer war, sich aus dem kuscheligen Bett loszureißen, es hat sich gelohnt. Diese morgendliche Stimmung, die Stille auf dem Berg inmitten versteinerter Geschichten beflügelte uns Frühaufsteher und belohnte uns mit neuen Räumen, in denen wunderbare Texte entstanden sind.
Fazit: Ein wunderbarer Ort, eine Oase zum Auftanken und viel Kraft für Neues.

Monika Landau
6. August 2007

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