10 Jahre Inkas Institut

 
 
 
 
Kreatives Schreiben semesterweise
Zehn Jahre INKAS - Institut

Oliver Buslau

Ein Schriftsteller gründet ein eigenes Institut für Kreatives Schreiben und hat damit Erfolg. Ein Märchen? Nein: die Wahrheit. Vor zehn Jahren schuf der Schriftsteller Rüdiger Heins im rheinland-pfälzischen Bad Kreuznach mit seinem INKAS-Institut eine Einrichtung, wie sie in Deutschland leider immer noch viel zu selten sind.

Die Stadt Bad Kreuznach spielt in der Literaturgeschichte kaum eine Rolle, auch wenn die Stadtväter gerne darauf verweisen, dass hier einmal das reale Vorbild für eine der berühmtesten literarischen Figuren gelebt haben soll. Der historische Magister Faust bewohnte Anfang des 16. Jahrhunderts ein Haus in der heute immer noch malerischen Altstadt. Keinen Steinwurf entfernt liegt das .... einer Institution, die dafür sorgen könnte, dass Bad Kreuznach doch noch auf literarischem Gebiet Schlagzeilen macht: Hier, in der Magister-Faust-Gasse 37, ist das INKAS Institut für Kreatives Schreiben zu Hause. Wer eine Veranstaltung dieser Einrichtung besucht, findet sich jedoch in ganz anderem Ambiente wieder. Im Kloster Himmerod in der Eifel zum Beispiel, auf der Ebernburg an der Nahe, auf Schloss Dhaun oder sogar im Saarland oder am Bodensee. ...

Ein Sechser im Lotto?

„Wir versuchen immer, so weit es geht, das richtige Ambiente für die Kursthemen zu finden“, sagt Rüdiger Heins. In Bad Kreuznach selbst lädt er seine Studenten immer in das Bildungszentrum St. Hildegard ein. Dort, in einem eher nüchternen Gebäudekomplex, studieren derzeit 15 Studentinnen und Studenten das Kreative Schreiben und beschäftigen sich mit dem Semesterthema „Die Kurzgeschichte“. „Wir sehen uns genau die verschiedenen Baufsteine an“, sagt Heins. „Und wir erarbeiten sehr genau die Möglichkeiten der Perspektive.“ Der Raum, in dem wir uns zum Interview getroffen haben, war zehn Minuten zuvor noch Schauplatz hochkonzentrierter kreativer Arbeit. Ich beschließe, mit meinen Fragen in medias res zu gehen: Wie kann man so einfach ein Institut für Kreatives Schreiben gründen?
„Als ich es versuchte“, sagt Heins, „habe ich mir anhören müssen, die Chancen dafür stünden so gut wie auf einen Sechser im Lotto. Im Nachhinein verstehe ich das gar nicht. Es hat alles hervorragend geklappt.“ Wahrscheinlich, weil Rüdiger Heins die Entstehung des INKAS nicht übers Knie brach, sondern langsam, wie ein Kunstwerk reifen ließ.
„Anfang der 90er wollte ich mir als Schriftsteller ein zweites Standbein schaffen. In Lutz von Werders ‚Lehrbuch des Kreativen Schreibens’ habe ich gelesen, dass in Amerika viele Autoren davon leben, Schreibkurse zu geben. Und ich dachte: Das ist es.“
Rüdiger Heins besuchte Workshops der US Amerikaner Anne Waldman und Ed Sanders. Er studierte die amerikanischen Methoden, das Schreiben zu lehren an der University of Boulder in Colorado, außerdem war er Schüler von Lutz von Werder in Berlin. Aber nicht nur diese Erfahrungen waren es, von denen Heins für seine Schreibkurse profitierte. Es war ein bewegtes Leben, das ihn in den 80er Jahren beschäftigte, seine „lange Suche“, wie er diesen Abschnitt selbst nennt.

Ein bewegtes Leben

„Ich komme von ganz unten“, sagt Heins, streift auf die Frage nach seinem biografischen Hintergrund sein „armes“ Elternhaus, und kommt schließlich auf seine ersten beruflichen Erfahrungen zu sprechen. Rüdiger Heins, der in Bingen aufwuchs, arbeitete als Sozialpädagoge beim Stadtjugendamt in Bad Kreuznach, war danach Journalist und lernte unter anderem Günter Wallraff kennen, der ihn zu einem großen ambitionierten Schreibprojekt ermutigte: seiner „Trilogie der Straße“. Drei Bücher über Obdachlose in Deutschland erschienen in Folge - der Roman „Verbannt auf den Asphalt“, der „Obdachlosenreport“ und das Buch „Zu Hause auf der Straße - Straßenkinder in Deutschland.“ Rüdiger Heins lernte das, was er beschrieb am eigenen Leibe kennen, schlief selbst unter Brücken und in Parks und verpasste fast die Chance, aus dieser Welt wieder zurückzukehren.
Aber auch in andere Welten führte ihn sein schriftstellerisches Leben: nach Nicaragua, nach Managua, nach Indien, und zu den Indianern einer Insel im Atlantik. „Ich war auf der Suche“, sagt Heins heute. „Es war meine persönliche Heldenreise, an dessen Ende schließlich meine heutige Existenz als Autor und Lehrer stand. Es war für mich wichtig, dieses Risiko, das ich gar nicht als Risiko empfand, zu erleben, und danach in die freie Existenz zu gehen. Als Angestellter habe ich mich immer als nicht erwachsen empfunden.“
Heute ist Rüdiger Heins ist Vater einer 14-jährigen Tochter. Er selbst war etwa im selben Alter, als er zum ersten Mal davon träumte Schriftsteller zu werden. Ausschlaggebend war die Lektüre der Bücher von Mark Twain. „Ich wusste aber auch“, sagt er heute, dass ich einen sozialen Beruf ergreifen wollte.

Stipendien für Kreatives Schreiben

Auch das hat er mit dem INKAS-Institut umgesetzt. Hier studieren Schreiblernwillige jeden Alters, von 18 bis über 70. Wer sich anmeldet, zahlt pro Schreibwochenende 100 Euro plus Fahrkosten und Unterkunft. Jedes Jahr werden Stipendien an talentierte und Bedürftige vergeben. Sie dürfen dann die zwei Jahre, also vier Semester, gratis besuchen. Anträge für die Stipendien müssen an das Institut schriftlich gerichtet werden. Bedürftigkeit und soziales Verhalten sind entscheidend. Wer das INKAS kostenlos besuchen darf, bestimmt Rüdiger Heins zusammen mit früheren Stipendiaten. Im Jubiläumsjahr 2007 vergibt das Institut ein Sonderstipendium.
In jedem Semester steht ein Thema im Vordergrund: 2006/2007 war es die Kurzgeschichte, davor lernten die Studenten und Studentinnen Möglichkeiten des Romanschreibens kennen, sie beschäftigten sich mit moderner Lyrik, dem Aspekt der Spannung oder mit der Poesie der Träume.
Auch zwischen den Wochenenden wird gearbeitet. Die Teilnehmerinnen und Teilnehmer lösen Schreibaufgaben, senden ihre Arbeiten an Rüdiger Heins und erhalten sie mit Anmerkungen zurück. Jedes INKAS-Jahr endet mit der Produktion eines Buches oder einer Hör-CD. Dem Institut ist dafür eigens der Verlag „Edition Maya“ angeschlossen. Bei der Firma Rector Records entstehen die CDs. Darüber hinaus verbreitet INKAS literarische Texte über die Online-Literaturzeitschrift „eXperimenta“.
Auch neben dem Semesterbetrieb bietet INKAS Schreibkurs an ausgewählten Wochenenden an. Die Teilnahmegebühren dieser Einzelveranstaltungen sind höher, die Themen sehr frei: Ob Krimi, populäres Erzählen unterrichtet wird oder ob man sich im Kloster zu einem Workshop mit dem geheimnisvollen Titel „Worte aus der Stille“ trifft - Rüdiger Heins leitet auch diese Kurse selbst, oder er lädt nach seinem persönlichen Gusto Dozenten ein. Das ist aber die Ausnahme.

Ein Ein-Mann-Betrieb

„Das INKAS ist letztlich eine One-Man-Show“, sagt Rüdiger Heins. „Es lebt mit mir, und es wird mit mir untergehen. Es ist mein persönliches Kunstwerk.“ Immerhin haben schon über 1000 Schülerinnen und Schüler von diesem „Kunstwerk“ profitiert, und viele von ihnen kommen regelmäßig wieder. Bad Kreuznach ist damit eine kleine, aber feine Hochburg des Kreativen Schreibens in Deutschland geworden.
Ich wundere mich, wie ein einzelner Mann das schafft: Kurse geben, selber Schreiben, eigene und institutseigene Veröffentlichungen vorbereiten und all die vielen Details unter einen Hut bringen, um die man sich in einem solchen Betrieb kümmern muss. Die Antwort sitzt an Rüdiger Heins’ Seite: Es ist die 22-jährige Studentin Katrin Schumacher - Schülerin des Instituts, aber auch Assistentin und „rechte Hand“ des INKAS-Chefs. Katrin Schumacher stammt wie Rüdiger Heins aus Bingen und wollte ursprünglich Journalistin werden. Über einen Umweg lernte sie 2004 das Institut kennen. Sie studiert in Mainz Literaturwissenschaft und Geschichte, beim INKAS kümmert sie sich zusammen mit Anke Lanatowitz um die Redaktion der „eXperimenta“, sie sorgt für die Öffentlichkeitsarbeit im Internet und widmet sich bei den Studienthemen als Kennerin der altgriechischen Literatur um den Bereich „lyrische Archäologie“ - Inspirationen der Antike, von Dichtern wie Sappho oder Homer.
Auch das Institutslogo stammt aus diesem Kulturkreis und erinnert alle Schülerinnen und Schüler des Kreativen Schreibens daran, woher unsere moderne Dramaturgie, unser Theater, unsere Lyrik kommt. Man hat den gut dreieinhalb Jahrtausende alten Diskus von Phaistos von Kreta, eine Tonscheibe mit seltsamen Schriftzeichen, bis heute nicht entziffert. Doch Unverständliches durch die Kraft der Fantasie verständlich zu machen, gehört zu den Strategien in Heins’ Seminaren. Auch den geheimnisvollen Diskus nutzt er für Schreibaufgaben. „Man weiß immerhin so viel, dass diese Tonscheibe ein Brief eines Königs an einen anderen König ist. Ich sage den Schülern dann: Schreiben Sie diesen Brief.“


Weitere Informationen

INKAS Institut für Kreatives Schreiben
Im Netzwerk für alternative Medien und Kulturarbeit e.V.
Magister-Faust-Gasse 37
55545 Bad Kreuznach
Tel.:: 06721 - 921060
Fax: 06721 - 921060
Mail: info@inkas-id.de
Internet: www.inkas-id.de,
www.ruedigerheins.de

Handbuch des Kreativen Schreibens
Schneider Verlag Hohengehren